Israel intensiv: Gegen das Vergessen in Yad Vashem

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All dies und das arabische Flair im muslimischen Viertel, das architektonisch-künstlerische Ambiente im jüdischen Areal und das Tiefreligiöse im armenischen Teil – vermitteln den Eindruck eines Geschichten- und Geschichtskabinetts. Dazu noch der Berg Zion im Süden gelegen, mit dem Davidgrab und dem von Oskar Schindler. Von dort erhebt sich die „Stadt der Städte“ vor dem Besucherblick wie eine einzigartige Erzählung. „Die große Überlebende der Welt“ hat der englische Schriftsteller Graham Greene Jerusalem genannt.

Sie sei „wie ein Stein, der nicht weggehoben werden kann“ berichten bereits alttestamentarische Propheten. Und den kann man nicht zugleich von allen Seiten betrachten. Deshalb bekommt man trotz des intensiven Hinschauens als Besucher nur einen oberflächlichen Eindruck von den sichtbaren und unsichtbaren politisch-religiösen Grenzen der Stadt.

Von West nach Ost durchquert die seit 2011 in Betrieb genommene Stadtbahn die Metropole. Sie ist die umweltfreundlichere und zeitsparende Alternative zum Stauverkehr der Stadt. Die Bahn. Die Scheiben sind aus Panzerglas, erklärt man uns vorher, denn immer wieder seien in der Vergangenheit Anschläge innerhalb der knapp 14 Kilometer Gesamtstrecke unternommen worden. Anschläge? Von wem? Von den Arabern. Der besondere Hintergrund: Der Ostteil Jerusalems war und ist nach der Eroberung durch israelische Truppen im 1967er Krieg natürlich umstritten.

Die Linie der Stadtbahn Jerusalem. Bild: Karte Stadtbahn Jerusalem
Die Linie der Stadtbahn Jerusalem. Bild: Karte Stadtbahn Jerusalem

Hinter Panzerglas

So auch als Strecke für den ÖPNV. Eine protestlose Fahrt – so riefen arabisch-muslimische Organisationen unmittelbar nach der immer wieder verschobenen Eröffnung der einzigen Stadtbahn zum Boykott derselben auf – das würde bedeuten, die nach UN- Resolution widerrechtliche Besetzung des Stadtteils auch verkehrstechnisch zu legitimieren … Wieder stolpert man über den heißen Konfliktdraht der nahöstlichen Spannung. Und versucht ihn vorsichtig zu verstehen.

Wir steigen etwa zur Hälfte der Strecke am Jaffa-Center ein und nach der 9. und letzten Haltestelle wieder aus. 2,20 € umgerechnet sind für einen Leipziger normale Preise bei 20 Minuten Fahrt. Ich scanne das Gelände an jeder Haltestelle, versichere mich immer wieder des entwerteten Fahrscheins in der Hosentasche – überflüssig in dem Fall, alles läuft problemlos. Nur: Hinter Panzerglas bin ich bis jetzt noch nicht transportiert worden.

Am Mount Herzl heißt es aussteigen und den Rest des Weges laufen. An einem Waldfriedhof vorbei nähert man sich dem Ziel der vormittäglichen Tagestour.

Yad Vashem

Die jüdische Gedenkstätte, die zu Ehren und zur Mahnung der Opfer des Holocaust in Europa zwischen 1933 und 1945 errichtet wurde. Eintritt frei. Zur Orientierung hilft ein Faltplan des gigantischen Geländes.

Gleich vorweg: Yad Vashem stellte für mich eine neue Qualität der Erinnerungskultur dar. Und dabei wissen Bekannte von mir, dass ich sie stets genervt habe, wenn es um den Besuch einer bis dato unbekannten KZ-Gedenkstätte ging. Ich also einiges gewohnt bin.

„Ich will ihnen in meinem Hause und in meinen Mauern ein Denkmal (Yad) und einen Namen (Shem) geben … der nicht vergehen soll“ (Jesaja 56,5)

Man ist beeindruckt von der Atmosphäre, der Vielschichtigkeit und den komplex verteilten optischen Impulsen, die in die liebevoll bepflanzte Landschaft gesetzt wurden. Dadurch kann man nach-denken, nach-empfinden, noch einmal mit-leiden. In der stockdunklen Halle mit der einen spiegelverstärkten Kerze hört man die Namen der zahllosen jüdischen Kinder, die der barbarisch-rassistische Nationalsozialismus das junge Leben kostete.

Die sechsarmige Menora erinnert – abweichend von der „Norm“ des siebenarmigen Leuchters – an 6 Millionen jüdische Opfer in den Vernichtungslagern. Am Denkmal für Janusz Korczak, dem polnischen Pädagogen der – obwohl er sich hätte retten können – mit seinen Kindern 1942 nach Treblinka und ins Gas ging, verneige ich mich. Im „Garten der Gerechten unter den Völkern“ entdeckt man den Baum, der für Oskar und Emilie Schindler gepflanzt wurde. Ich bin erstaunt und bleibe sprachlos: darüber, wie viele unbekannte Menschen sich für ihre ausgestoßenen, verfolgten und gedemütigten Mitmenschen einsetzten, die sich von ihnen zufällig durch Herkunft und Glauben unterschieden.

Yad Vashem lässt einen nur in Scham und Trauer zurück. Ich bin der Tränen schon vor dem „Highlight“ nahe. Das „Holocaust Memorial Museum“ stellt einen langen Gang, einen Weg, der am Ende ins Licht führt, dar. Rechts und links gehen „Zimmer“ ab, Räume, die das Unfassbare historisch erklären. Da hört man den „Führer“ brüllen von der „Überlegenheit der arischen Rasse“, liest den Text der „Nürnberger Rassengesetze“ von 1935, sieht die furchtbaren Pogrome Ende der 30er Jahre – läuft ein Stück über das Pflaster des Warschauer Ghettos.

Man sieht in unzähligen, erschütternden Zeugnissen die verbrecherischen Konsequenzen, welche gesäter Hass und Vernichtungsphantasien hatten. Und haben.

Denn welche allgemeinen Schlüsse sollte man sonst in Yad Vashem ziehen?

Etwas nachdenklich – ich gebe zu, erst als ich mit nassem Gesicht den Ausgang verlasse und sitzend innehalte – bleibe ich dennoch beim Nachdenken über das letzte „Zimmer“ des Holocaust- Museums zurück. Da sah ich ganz zum Schluss andere Bilder, auf denen es wieder um Kampf, Krieg und Leid ging. Dieses Mal aber „gerecht“. Um den Kampf für „Erez Israel“, um das Bekämpfen der britischen Kolonialmacht. Und der arabischen Einwohner, welche dann nach dem 2. Weltkrieg dem Entstehen des lange ersehnten jüdischen Staates im „Gelobten Land“ entgegenstanden. Das Jahr 1948.

Darf man zur Sühne und Wiedergutmachung von Verbrechen ungeahnten Ausmaßes neues – diesmal arabisches – Leid verursachen? Ist im Namen der Gerechtigkeit alles erlaubt? Darf man das an und von diesem Ort aus in Israel beurteilen? Yad Vashem steht doch für „Gegen das Vergessen“, oder?

Die Stadtbahn nähert sich. 9 Stationen zurück bis nach „Hause“.

Weitere Informationen zu Yad Vashem auf Wiki

Zur Reihe „Israel intensiv“: Jens-Uwe Jopp war 14 Tage auf einer ungewöhnlichen Reise in Israel, welche ihn in viele verschiedene Teile des Landes führte. Ziel und ein Höhepunkt der Reise war dabei auch Ismail Khatib zu treffen. Sein Sohn Ahmed Khatib war 2005 irrtümlicherweise von israelischen Soldaten erschossen worden, sein Vater gab daraufhin die Organe zur Transplantation an jüdische Kinder frei. Diese Geste erregte ein weltweites Interesse, die Dokumentation „Das Herz von Jenin“ (Trailer im Video) zeigt die Geschichte. Ismail Khatib ist heute weltweit bekannt und hat eine Organspendeplattform „Search of Life“ ins Leben gerufen.

Hier ist der mehrteilige Bericht von Jens-Uwe Jopp über Erlebnisse und Stationen unter anderem in Tel Aviv (Jaffa), Haifa, Qalanzawe (20 km östlich von Netanja), See Genezareth und Tabgha, Jenin im Westjordanland, Bethlehem (Westjordanland), Totes Meer, Jerusalem, Akko (eine alte Kreuzfahrerhauptstadt am Mittelmeer), Kapernaum (die „Petrusstadt“), Nazareth, Massada und Caesarea.

Zum Autor: Jens-Uwe Jopp ist Lehrer am Schiller Gymnasium. Ein ungewöhnlicher Leipziger Pädagoge für Deutsch und Geschichte, denn viele Leser kennen ihn auch als Autor der LEIPZIGER ZEITUNG oder Organisator der „Schiller Akademie“, wo er und seine Schüler unter anderem bereits mit Friedrich Schorlemmer über aktuelle Zeitfragen diskutierten.

Am 13. November 2018, ab 16 Uhr, findet diese übrigens erneut statt, dann mit einer Diskussionsrunde mit Dr. Gregor Gysi und einem Livestream auf L-IZ.de.

Israel intensiv: „Da ist der Mensch!“

https://new.l-iz.deleben/reisen/2018/10/Israel-intensiv-Da-ist-der-Mensch-241474

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