Olja Savičević: Sänger in der Nacht. Foto: Ralf Julke

Olja Savičevićs Roman über eine Liebe, die im Strom des Vergessens zu verschwinden droht

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Ein Kumpel betreut seine Wohnung. Von ihm bekommt Pomela den Schlüssel für das Boot, das ihr gehört, welches sie aber mit Fink geteilt hatte. Zuletzt war er darauf allein unterwegs. So beginnt die Reise der jungen Frau, die diesen Fink jetzt noch einmal sehen will. Auch wenn Olja Savičević die Leser lange im Ungewissen lässt darüber, warum sie ihn ausgerechnet jetzt sucht.

Das erfahren wir später, nachdem ihre Reise längst begonnen hat und sie zur eigensinnigen Mutter des Mannes geführt hat, den sie noch immer liebt. Irgendwie. Auch wenn man ahnt, dass er wohl einer von denen ist, die man nicht festbinden kann. Nicht nur, weil er Künstler ist, einer, der sich nicht in die üblichen Männerrollen fügt – kein Karrierist, kein braver Stubenhocker.

Selbst die Armeehosen trägt er noch, obwohl der Krieg in Kroatien längst vorbei ist. Auch wenn er für ihn nie vorbei sein wird, denn seine Einberufung und die Erlebnisse in diesen mörderischen Tagen plagen ihn noch immer. Hier sind seine Albträume zu Hause. Und hier wurzelt seine Verachtung für die Leute, die damals die Gestellungsbefehle verteilten, aber schön zu Hause blieben.

Man ist mittendrin in diesem Nachkriegsjugoslawien, aus dem der Verlag Voland & Quist schon so viele beeindruckende Bücher herübergeholt hat in unsere Leselandschaft, wo die Liebes-Geschichten oft so jämmerlich leer wirken, weil sich nur wenige unserer Autorinnen und Autoren tatsächlich mit den Traumata beschäftigen, die uns belasten, hüben und drüben, bei Männlein und Weiblein.

Es war zwar kein Krieg, den wir hinter uns ließen. Da hatten wir Glück. Aber man muss sich umschauen: Auch hier laufen so viele wie Gespenster herum, als hätten sie sich irgendwo in der Vergangenheit verloren und nicht wiedergefunden.

Pomela, die eigentliche Erzählerin, hatte insofern Glück. Schon früh entdeckte sie ihr Talent, den Menschen genau die Liebesgeschichten zu erzählen, nach denen sie sich sehnen – und die sie niemals erleben. Davon leben all die Verlage, die Liebesromane in gewaltigen Bergen produzieren, all die Sender, die die Vereinsamten mit Sehnsuchtsfilmen überschwemmen, in denen schöne Heldinnen und Helden die Liebe finden.

Die Liebe, die die Zuschauer/-innen in der Wirklichkeit so vergeblich suchen. Wohl auch, weil sie nie danach suchen. Und wenn sie zufällig drüber stolpern, haben sie meist Angst davor. Denn im richtigen Leben sorgen richtige Lieben für Chaos. So wie die Liebe zwischen Pomela und Fink.

Die am Ende nicht funktionieren kann, weil beide mit ihrer Welt kollidieren.

Schon das ein Stoff, der einen herrlich wahnsinnig machen kann beim Lesen.

Und man begreift Pomelas Sehnsucht, diesen fast Verschollenen wiederzufinden. Nicht nur bei seiner alten Mutter sucht sie ihn. Sie fährt mit ihrem goldfarbenen Mazda sogar in die Berge, dorthin, wo im Krieg die Armeen durchzogen und eine Wüste zerstörter Dörfer hinterließen, wo aber Helanka lebt, die Frau, die damals Pomela die Bekanntschaft zu Fink vermittelt hat.

Noch so eine, die sich nicht einfügen und glattmachen lässt. Die lieber mit ihren Kindern in die Berge zog, um dort Obst und Gemüse und Kräuter anzubauen, weit weg von den Städten, in denen alles wieder zurückgekehrt scheint in den Alltag, das pantoffelige Bürgerleben, das auch Fink so verachtet hat. Und das er nicht aushielt.

Und so recht erfährt man nicht, ob er sich in jenem heißen Sommer gestört fühlte, als ein liebemachendes Pärchen die Fenster aufriss und wochenlang die ganze Plattenbausiedlung mit Liebesschreien wachhielt. Seine anonymen Briefe griffen das Thema zwar auf und wurden tausendfach in den Briefkästen gefunden – aber selbst da schlüpfte er in Rollen, auch die des Soldaten, der die Nase voll hat vom Krieg, den Krieg aber nicht loswird im Kopf.

Aber jetzt, wo Pomela ihn sucht, ist er verschwunden. Seine Spur führt nach Amerika. Wird sie ihm folgen? Es sieht am Ende nicht so aus. Da wissen wir dann schon, dass sie seit einem Autounfall mit dem Verlust ihres Gedächtnisses kämpft. Schreiben kann sie nicht mehr. Das, womit sie ihr Brot verdient hat, ist verschwunden. Und bald wird ihr Stück um Stück die Welt verloren gehen. Da wissen wir, warum sie noch einmal mit Fink sprechen möchte, dem Mann, der ihr das Wichtigste war im Leben.

Aber all das setzt sich eher beiläufig zusammen. Pomela weiß, dass ihre Zeit ausläuft, aber sie hadert nicht. Und sie ist auch nicht verängstigt, denn da gibt es nichts mehr, was sie ängstigen kann. Sie ist in einer Verfassung, die Menschen eher selten haben: neugierig auf eine freundliche, fast verzeihende Art. Auch wenn es berührt beim Lesen, wie sie die Spuren Finks findet. Und ihn gespiegelt sieht in den Menschen, denen sie begegnet.

Es ist nicht nur eine Reise in die alten Landschaften des Krieges. Es ist auch eine Reise in Pomelas Träume, ihre Sicht auf die Menschen, ihre Erfahrungen mit ihnen. Eher am Rande lodern noch die alten Feuer des Krieges, der das Land zerriss, der Menschen, die jahrzehntelang zusammenlebten, auf einmal zu Feinden machte und zu Mördern, aufgestachelt von Leuten, die mit diesem Hass ihre Politik begründeten.

Und natürlich bohrt dabei der Gedanke: Kann es sein, dass Menschen generell so leicht verführbar sind? Das einige nur darauf warten, das Kleid der Zivilisation so schnell abzuwerfen und ihrer Rach- und Mordlust freien Lauf zu lassen?

Was genau Fink im Krieg erlebt hat, erfahren wir nicht. Am Ende weigerte er sich, nachdem er sein Studium wieder aufgenommen hatte, zurückzukehren in den Krieg. Und er weigerte sich auch zurückzukehren in die heile Welt, in die alle so übergangslos zurückschlüpften. Lieber malte er seine Botschaften auf die Wände der Häuser.

Aber wie erzählt man die Geschichte einer Frau zu Ende, die zusehends die Gewissheit über die Dinge verliert? Kann sie zu Ende erzählt werden? Darüber lässt Olja Savičević ihre Leser im Ungewissen, bricht einfach ab und blendet in eine Reportage über, die eine Frau in der Ulica Dinka Šimunovićeva in Zagreb anschaut. Wohl zum hundertsten Mal, sodass sich die anderen Heimbewohner davon endgültig gestört fühlen. Die Reportage zeigt einen Künstler aus Kroatien, der dem Aufruf des Bürgermeisters von Detroit folgte, in der zunehmend verlassenen alten Autostadt mit Kunst neues Leben in die Straßen zu bringen.

Ist es Fink, den Pomela hier wiedersieht? Oder vermischt sich die Reportage mit ihren fortgeschwemmten Erinnerungen? Wir wissen es nicht. Möglich ist das schon. Denn wir waren ja dabei, wie sie versuchte, ihre Erinnerungen einzufangen und die Briefe las, die Fink einst schrieb, als ihn die nächtlichen Liebesschreie wachhielten. Beides ist möglich. Sogar die Tatsache, dass Fink tatsächlich von Pomela spricht in jenem Interview in Detroit, aber das ist so weit weg, ein vergangenes Leben, im fernen Split, das er regelrecht abgestreift hat. Und trotzdem versucht er, die Dinka-Šimunović-Straße von Split in Detroit nachzugestalten.

Es bleibt in der Schwebe. Lebt dieser Künstler nur in der Phantasie der Frau ohne Erinnerungen? Lebt sie in seinen? Gesteht sie sich ein, dass er sie schon lange nicht mehr liebt?

Es ist so eine Geschichte von Zweien, die einst das Intensivste miteinander erlebten, was zwei Liebende erleben können. Und die sich in ihren eigenen Leben verloren haben und einander nur noch in den Erinnerungen suchen können. Und die diese ein, zwei Jahre, in denen sie glücklich waren, wie ein Geschenk betrachten. Und einen Verstoß gegen alle Regeln. Denn hier auf Erden ist Liebe „seit Begin der Welt bis heute verboten“.

Und das denkt Pomela ja nicht erst am Schluss, als sie Fink den letzten Brief schreibt. Das liegt als Schatten über ihrer ganzen Reise. Und es macht sie andererseits abgeklärt, weiß sie ja am besten, wie man den Menschen in Telenovelas von einer unerreichbaren Liebe erzählt. Einer Liebe wie im Märchen. Die richtige Liebe im richtigen Leben sieht anders aus. Und zumindest diese zwei wussten, als sie sie erlebten, dass es ein Verstoß gegen alle geltenden Regeln war.

Aber vielleicht weiß es auch nur die Frau mit ihren zerfasernden Erinnerungen. Und natürlich die Autorin, die hier mit einer unbarmherzig schönen Souveränität erzählt, wie wenig wir unsere Träume leben können. Und dass der beste Weg, sie zu leben, tatsächlich darin besteht, einfach loszufahren und nach dem zu suchen, was wir verloren haben. Egal, was die anderen sagen. Die wir eigentlich die „Anderen“ nennen müssten, die, die niemals losfahren, um ihre Träume zu finden. Aber beim ersten Kriegsruf losrennen, um anderen den Schädel einzuschlagen.

Punkt. Deutlicher kann ich es kaum sagen.

Olja Savicevic Sänger in der Nacht, Voland & Quist, Dresden und Leipzig 2018, 20 Euro.

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