Festivaltagebuch

DOK Leipzig, Tag 1: Bei eisigen Temperaturen zurück in den Kalten Krieg – Herzog-Doku über Gorbatschow eröffnet das Festival

Für alle LeserDie Gorbatschow-Dokumentation „Meeting Gorbachev“ hat am Montagabend das 61. DOK eröffnet. Sowohl im Cinestar bei der zentralen Veranstaltung als auch in der Osthalle des Hauptbahnhofes war der Film von Werner Herzog zu sehen. Der Regisseur äußerte im Anschluss seine Begeisterung für die Location und seine Einschätzung zur aktuellen Russland-Politik des Westens. Die Doku selbst lieferte kaum neue Erkenntnisse.

Print Friendly, PDF & Email

Als eine DOK-Mitarbeiterin kurz vor 19:30 Uhr zum Mikrofon greift, waren die Temperaturen in der Osthalle des Hauptbahnhofes gefühlt schon am Gefrierpunkt. Was sie dann sagte, besaß Potential, die Stimmung ebenfalls dahin zu befördern. Der Filmstart verzögere sich deutlich. Doch das war nur die schlechte Nachricht. Der Grund für die Verzögerung war die gute Nachricht: Regisseur Werner Herzog sei auf dem Weg zum Hauptbahnhof.

Mittlerweile ist es zur Tradition geworden, dass der Eröffnungsfilm des jährlichen Dokumentar- und Animationsfilmfestivals nicht nur für geladene Gäste im Cinestar zu sehen ist, sondern auch für die Allgemeinheit kostenlos im Hauptbahnhof. In diesem Jahr eröffnete die Dokumentation „Meeting Gorbachev“ über den letzten Präsidenten der ehemaligen Sowjetunion das 61. DOK.

Bereits eine halbe Stunde vor dem geplanten Filmbeginn waren die meisten Plätze vor der Leinwand in der Osthalle besetzt. Andere Interessierte ließen sich auf den Treppenstufen nieder oder besorgten sich sogar Stühle aus der angrenzenden Burger-King-Filiale. Nach einer Intervention des Promenaden-Managements mussten die Stühle jedoch wieder zurückgebracht werden. Die Zuschauer nahmen nun einfach auf dem Boden Platz.

Wenig Neues über Gorbatschow

Da der Regisseur nach einer halben Stunde immer noch auf sich warten ließ, entschied man sich dazu, den Film zu starten. Dieser orientierte sich leider weniger an den zum tierischen Hauptpreis des Festivals passenden Tauben, die sich als Überflieger zeigten, sondern mehr an den Temperaturen in der Osthalle, die unter dem Wünschenswerten blieben.

Michail Gorbatschow, der maßgeblich die deutsche Wiedervereinigung ermöglichte, gehört zu den bekanntesten und wichtigsten Politikern des 20. Jahrhunderts. Zahlreiche Bücher und Filme haben sich mit ihm beschäftigt. Herzog und sein Mitregisseur Andre Singer haben dem wenig Neues hinzuzufügen.

In 90 Minuten arbeitet sich „Meeting Gorbachev“ von der Kindheit in der Provinz über die steile Karriere in der KpdSU bis zur von schweren Krankheiten geprägten Gegenwart vor. Laut Herzog traf man sich innerhalb des vergangenen Jahres dreimal zu Interviews – Gorbatschow kam jeweils aus dem Krankenhaus und fuhr im Anschluss wieder dahin zurück.

Dass allein die Interviews mit dem 87-Jährigen einen Coup darstellen würden, lässt sich ebenfalls nicht behaupten. Vor zwei Jahren führten beispielsweise das ZDF und Phoenix ein exklusives Gespräch mit ihm. Es wäre sinnvoll gewesen, sich bestimmten Aspekten der Gorbatschow-Biographie zu widmen. Aber vielleicht stand die offensichtliche Bewunderung von Herzog für den Ex-Präsidenten einer besseren Dokumentation im Weg.

Herzog-Statements zu Leipzig und Russland

Die besten Momente sind jene, in denen es etwas emotional wird. Wenn Gorbatschow in seiner Jugend die US-Jugendlichen und deren Rock ‚n‘ Roll karikiert oder in den 1980ern innerhalb kürzester Zeit mehrere KpdSU-Generalsekretäre sterben und sich die gigantischen Militärparaden dabei stets wiederholen, ist das durchaus witzig. Und im Gegensatz dazu ist es ziemlich traurig, wenn Gorbatschow am Ende des Films über den Tod seiner Frau und Einsamkeit spricht.

Ob es während des Abspanns nur höflicher Applaus für den nun anwesenden Regisseur oder tatsächliche Begeisterung war, lässt sich schwer sagen. Herzog selbst war in jedem Fall begeistert – von der Location: „So eine schöne Vorführung habe ich überhaupt noch nicht gesehen.“ Dann betonte er, wie wichtig die Ereignisse in Leipzig vor 30 Jahren für sein Werk gewesen seien: „Der Film hat hier seinen Ausgangspunkt genommen und ist nun an die richtige Stelle zurückgekommen.“

Bevor Herzog zur eigentlichen Eröffnungsveranstaltung ins Cinestar zurückkehrte, bezog er noch Stellung zur gegenwärtigen Weltlage. Die „Dämonisierung Russlands“ sei ein Fehler. Für die Europäer sei das Land wegen seiner Kultur und Geschichte ein besserer Partner als so manch andere aufstrebende Großmacht.

Der mehr als dreistündige Abend im Hauptbahnhof war kein Fehler, auch wenn ein besserer Film wünschenswert gewesen wäre. Ein solcher wird aber sicherlich zu finden sein – unter den mehr als 300 Werken, die in den kommenden sechs Tagen zu sehen sind.

Leipziger Zeitung Nr. 60: Wer etwas erreichen will, braucht Geduld und den Atem eines Marathonläufers

https://new.l-iz.debildung/medien/2018/10/Leipziger-Zeitung-Nr-60-Wer-etwas-erreichen-will-braucht-Geduld-und-den-Atem-eine-Marathonlaeufers-239317


Leserbrief
Print Friendly, PDF & Email

Hinweise zum Leserbrief: Bitte beachten Sie, dass wir einen Leserbrief nur veröffentlichen, wenn dieser nicht anonym bei uns eintrifft. Außerdem möchten wir darauf hinweisen, dass eine Teilnahme an Verlosungen des L-IZ Leserclubs mit dem Leserbrief nicht möglich ist.

Ihr Name *

Ihre E-Mail-Adresse *

Betreff

Ihre Nachricht *

Bild/Datei hochladen

Wären Sie mit der Veröffentlichung als Leserbrief einverstanden? *

Weitere aktuelle Nachrichten auf l-iz.de

SPD, Grüne und Freibeuter fordern mehr Geld für den Ausbau des ÖPNV
Wahrscheinlich spürt es der OBM schon so langsam als sanften Druck im Nacken. Viel zu viele wichtige Konzepte sind in Leipzig viel zu lange aufgeschoben und ausgesessen worden. Im Oktober hat der Stadtrat einhellig das gültige Mobilitätskonzept für Leipzig beschlossen, wohl wissend, dass dafür das LVB-Netz deutlich gestärkt werden muss. Dazu aber braucht es mehr Plan
OBM gibt grünes Licht für Pilotprojekt, Grüne beantragen Finanzierung im Doppelhaushalt 2019 / 2020
Für alle LeserEs gibt Dinge in der Leipziger Verwaltung, die gehen tatsächlich erstaunlich schnell - so für Leipziger Verhältnisse. Gleich am Donnerstag in der Dienstberatung des Oberbürgermeisters wurde beschlossen, was erst in der Oktobersitzung des Stadtrates zum Beschluss gebracht wurde: Den Bau von familiengerechten Wohnungen z
Grüne, Linke und SPD beantragen Erhöhung des Etats für die Freie Szene um 3,6 Millionen Euro
Für alle Leser Am Donnerstag, 1. November, hat die Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen ihre Liste von Änderungsanträgen zum neuen Leipziger Doppelhaushalt 2019/2020 vorgestellt. Der soll wahrscheinlich im Januar 2019 beschlossen werden. Aber bislang steht vieles noch nicht drin, was der Stadtrat eigentlich längst beschlossen hat. Ode
Leipziger Osten wird zum ersten Mal Schauplatz des Art Go East - Festivals
Die zum ersten Mal stattfindende Biennale für darstellende und bildende Kunst ArtGoEast ist in vielerlei Hinsichten ein ambitioniertes Projekt: ein Festival an neun Ausstellungsorten mit über 15 lokalen und internationalen Künstlern. Es versteht sich dabei als innovatives, kritisches und nachhaltiges Projekt, dass sich trotz einer in der Stadt herrschenden Atmosphäre d
Leipziger Unternehmen haben immer stärker mit dem Sorgenthema Fachkräftemangel zu kämpfen
Für alle Leser Vor zwei Wochen haben die sächsischen IHKs den Geschäftsklimaindex für ganz Sachsen veröffentlicht. Jetzt gibt es auch die Einzelauswertung für Leipzig. Und die zeigt, dass es im Grunde nur drei Branchen sind, in denen die Stimmung kräftig abgesackt ist. Und die Ursachen sind jedes Mal etwas andere.
Diesel-Skandal: Schadenersatz durch Eine-Für-Alle-Klage
Ab 1. November tritt das neue Gesetz für Musterverfahren in Kraft. Die erste Klage wird vom Verbraucherzentrale Bundesverband in Kooperation mit dem ADAC gegen Volkswagen geführt.
Ist eine Operation bei Gallensteinen immer notwendig?
Zivilisationskrankheit Gallenblasensteine: Schätzungen zufolge ist fast jeder zweite Deutsche über 60 Jahren davon betroffen. Schmerzhafte Begleiterscheinungen wie krampfhafte Koliken im Oberbauch machen häufig ein medizinisches Handeln notwendig. Das kommende Gesundheitsforum des Diakonissenkrankenhauses Leipzig wird sich am Dienstag, 6. November 2018, eingehend mit di
Die Waffenverbotszone in der Eisenbahnstraße stigmatitisiert das ganze Quartier
Für alle LeserWenn Politiker versagen, werden sie zu Law&Order-Spezialisten. Dann werden irgendwo lauter Gefährder ausgemacht und lauter Schnapsideen ausgedacht, mit denen man öffentlich so tun kann, als wäre man ein prima Innenminister, der alles im Griff hat. So wie damals Sachsens Innenminister Markus Ulbig, als er Leipzigs OBM ein
Smart City: Ideen.Forum mit Ministerpräsident - Jetzt Fragen zur Mobilität von morgen an Ministerpräsident Michael Kretschmer stellen
Wieviel Zukunft steckt in der E-Mobilität? Werden Autos bald wie von Geisterhand und sicherer Fahren als Menschen? Wieviel Silicon Valley hat Sachsen zu bieten? Und was macht die vernetzte Stadt mit unserer Gesundheit? Am 14. November 2018 treten Politik, Wissenschaft, Unternehmen, Start Ups und Verbände mit denen in den Dialog, die die vernetzte Stadt von morgen betriff
Benefizkonzert mit Prof. Ludwig Güttler in der Thomaskirche Leipzig
Die Johann-Sebastian-Bach-Stiftung Leipzig lädt zu einem Benefizkonzert mit Ludwig Güttler und Volker Stegmann (Trompete und Corno da caccia) sowie Friedrich Kircheis (Orgel) ein. Es erklingen Werke von von Nicolaus Bruhns, Jean Baptiste Loeillet, Johann Gottfried Walther, Georg Philipp Telemann, Johann Sebastian Bach, Gottfried August Homilius, Felix Mendelssohn Barthol