DOK Leipzig, Tag 1: Bei eisigen Temperaturen zurück in den Kalten Krieg – Herzog-Doku über Gorbatschow eröffnet das Festival

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Als eine DOK-Mitarbeiterin kurz vor 19:30 Uhr zum Mikrofon greift, waren die Temperaturen in der Osthalle des Hauptbahnhofes gefühlt schon am Gefrierpunkt. Was sie dann sagte, besaß Potential, die Stimmung ebenfalls dahin zu befördern. Der Filmstart verzögere sich deutlich. Doch das war nur die schlechte Nachricht. Der Grund für die Verzögerung war die gute Nachricht: Regisseur Werner Herzog sei auf dem Weg zum Hauptbahnhof.

Mittlerweile ist es zur Tradition geworden, dass der Eröffnungsfilm des jährlichen Dokumentar- und Animationsfilmfestivals nicht nur für geladene Gäste im Cinestar zu sehen ist, sondern auch für die Allgemeinheit kostenlos im Hauptbahnhof. In diesem Jahr eröffnete die Dokumentation „Meeting Gorbachev“ über den letzten Präsidenten der ehemaligen Sowjetunion das 61. DOK.

Bereits eine halbe Stunde vor dem geplanten Filmbeginn waren die meisten Plätze vor der Leinwand in der Osthalle besetzt. Andere Interessierte ließen sich auf den Treppenstufen nieder oder besorgten sich sogar Stühle aus der angrenzenden Burger-King-Filiale. Nach einer Intervention des Promenaden-Managements mussten die Stühle jedoch wieder zurückgebracht werden. Die Zuschauer nahmen nun einfach auf dem Boden Platz.

Wenig Neues über Gorbatschow

Da der Regisseur nach einer halben Stunde immer noch auf sich warten ließ, entschied man sich dazu, den Film zu starten. Dieser orientierte sich leider weniger an den zum tierischen Hauptpreis des Festivals passenden Tauben, die sich als Überflieger zeigten, sondern mehr an den Temperaturen in der Osthalle, die unter dem Wünschenswerten blieben.

Michail Gorbatschow, der maßgeblich die deutsche Wiedervereinigung ermöglichte, gehört zu den bekanntesten und wichtigsten Politikern des 20. Jahrhunderts. Zahlreiche Bücher und Filme haben sich mit ihm beschäftigt. Herzog und sein Mitregisseur Andre Singer haben dem wenig Neues hinzuzufügen.

In 90 Minuten arbeitet sich „Meeting Gorbachev“ von der Kindheit in der Provinz über die steile Karriere in der KpdSU bis zur von schweren Krankheiten geprägten Gegenwart vor. Laut Herzog traf man sich innerhalb des vergangenen Jahres dreimal zu Interviews – Gorbatschow kam jeweils aus dem Krankenhaus und fuhr im Anschluss wieder dahin zurück.

Dass allein die Interviews mit dem 87-Jährigen einen Coup darstellen würden, lässt sich ebenfalls nicht behaupten. Vor zwei Jahren führten beispielsweise das ZDF und Phoenix ein exklusives Gespräch mit ihm. Es wäre sinnvoll gewesen, sich bestimmten Aspekten der Gorbatschow-Biographie zu widmen. Aber vielleicht stand die offensichtliche Bewunderung von Herzog für den Ex-Präsidenten einer besseren Dokumentation im Weg.

Herzog-Statements zu Leipzig und Russland

Die besten Momente sind jene, in denen es etwas emotional wird. Wenn Gorbatschow in seiner Jugend die US-Jugendlichen und deren Rock ‚n‘ Roll karikiert oder in den 1980ern innerhalb kürzester Zeit mehrere KpdSU-Generalsekretäre sterben und sich die gigantischen Militärparaden dabei stets wiederholen, ist das durchaus witzig. Und im Gegensatz dazu ist es ziemlich traurig, wenn Gorbatschow am Ende des Films über den Tod seiner Frau und Einsamkeit spricht.

Ob es während des Abspanns nur höflicher Applaus für den nun anwesenden Regisseur oder tatsächliche Begeisterung war, lässt sich schwer sagen. Herzog selbst war in jedem Fall begeistert – von der Location: „So eine schöne Vorführung habe ich überhaupt noch nicht gesehen.“ Dann betonte er, wie wichtig die Ereignisse in Leipzig vor 30 Jahren für sein Werk gewesen seien: „Der Film hat hier seinen Ausgangspunkt genommen und ist nun an die richtige Stelle zurückgekommen.“

Bevor Herzog zur eigentlichen Eröffnungsveranstaltung ins Cinestar zurückkehrte, bezog er noch Stellung zur gegenwärtigen Weltlage. Die „Dämonisierung Russlands“ sei ein Fehler. Für die Europäer sei das Land wegen seiner Kultur und Geschichte ein besserer Partner als so manch andere aufstrebende Großmacht.

Der mehr als dreistündige Abend im Hauptbahnhof war kein Fehler, auch wenn ein besserer Film wünschenswert gewesen wäre. Ein solcher wird aber sicherlich zu finden sein – unter den mehr als 300 Werken, die in den kommenden sechs Tagen zu sehen sind.

Leipziger Zeitung Nr. 60: Wer etwas erreichen will, braucht Geduld und den Atem eines Marathonläufers

https://new.l-iz.debildung/medien/2018/10/Leipziger-Zeitung-Nr-60-Wer-etwas-erreichen-will-braucht-Geduld-und-den-Atem-eine-Marathonlaeufers-239317

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