Mietsteigerungen treffen die Wenigverdiener in Leipzig wieder am heftigsten

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Lag der Quadratmeterpreis vorher noch bei 5,08 Euro, sprang er da erstmals auf 5,38 Euro. 2016 wurden 5,39 Euro erreicht und 2017 nun 5,62 Euro. Immer mit dem Hintergrund: Das ist die Bestandsmiete, also nicht das, was auf dem freien Wohnungsmarkt gehandelt wird, wo man heute kaum noch Wohnungen unter diesem Preis findet, schon gar nicht innenstadtnah.

Die Gentrifizierung Leipzigs ist längst im Gang. Da können sich die Politiker die Sache schönreden, wie sie wollen. Da reicht ein Blick auf die Stadtkarte, die zeigt, dass ganze Ortsteile längst abgehoben sind in höhere Mietpreisklassen mit Mietniveaus über 6,50 Euro im Bestand – allen voran innenstadtnahe Quartiere wie das Waldstraßenviertel, das Grafische Viertel, Zentrum Süd und das Musikviertel.

Die Statistiker machen auch den hübschen Vergleich auf zwischen Mietbewohnern und Eigentumsbewohnern. Ein Vergleich, der deutlich macht, dass selbst Wohneigentum vor allem eine Frage des Geldes ist. Von den Leipzigern, die weniger als 2.000 Euro Haushaltsnettoeinkommen haben, leben maximal 10 Prozent im Wohneigentum.

Was in Leipzig übrigens eng mit dem Wohnungsneubau zusammenhängt. In den seit 2002 neu gebauten Wohnungen leben 65 Prozent der Bewohner im Eigentum. 57 Prozent sind Eigenheimbewohner, 9 Prozent leben aber auch in Eigentumswohnungen.

Aber wenn einem Anlageberater in der Bank erzählen, jeder könnte mit genug Fleiß Wohneigentum erwerben, dann schwindeln sie. Erst ab 2.000 Euro Haushaltsnettoeinkommen entstehen die ersten Spielräume, an die Finanzierung von Wohneigentum überhaupt zu denken.

Aber die tatsächliche Schwelle liegt augenscheinlich bei 4.000 Euro. Ab da schnellt die Kurve der Leipziger, die im Eigentum leben, von 22 auf 39 Prozent hinauf, jenseits der 5.000 Euro sogar auf 57 Prozent. Das heißt: Dann verdienen Menschen in Leipzig so viel Geld, dass sie es auch in Wohneigentum als Wertanlage stecken können.

Wo Mieterhöhungen besonders große Probleme verursachen würden. Grafik: Stadt Leipzig, Bürgerumfrage 2017
Wo Mieterhöhungen besonders große Probleme verursachen würden. Grafik: Stadt Leipzig, Bürgerumfrage 2017

Wie viele Leipziger verdienen eigentlich so viel?

Das weist der Bericht nicht so detailliert aus. Er zeigt nur, dass 17 Prozent der Leipziger 2017 ein monatliches Nettoeinkommen von mindestens 3.200 Euro hatten. Womit man wahrscheinlich wirklich die Gruppe jener Leipziger erfasst, die sich tatsächlich Wohneigentum leisten können (sofern sie es nicht geerbt haben). Deswegen sind auch die Trauergesänge, dass die Mietwohnquote in Leipzig immer noch so hoch ist, so fadenscheinig.

83 Prozent der Leipziger verfügen nicht wirklich über das Geld, um Wohneigentum zu erwerben. Manche verfügen auch darüber, mieten aber trotzdem lieber. Nur 13 Prozent der Leipziger leben tatsächlich in Eigentum.

Und das beschreibt natürlich auch unsere Wirtschaftswelt: Wer heute einen qualifizierten Beruf hat, muss auch bereit sein, mobil zu bleiben. Dass Menschen Wohnungen mieten, erzählt auch davon, dass sie eben nicht mehr an ihre Scholle gefesselt sind, wie sich das unsere Heimattümler immer ausmalen.

Die moderne Arbeitswelt ist flexibel. Aber weil die Flexibilität auch und gerade die niedrigen Einkommen trifft, stößt ein sich verteuernder Mietmarkt gerade bei ihnen sauer auf. Denn Leipziger mit Haushaltseinkommen unter 2.000 Euro sind zu über 90 Prozent Mieter.

Und wenn 34 Prozent der Befragten bejahen, dass sie in den letzten vier Jahren eine Mieterhöhung bekommen haben, dann ahnt man, was für eine Unruhe sich in der Stadt breitmacht und warum 29 Prozent der Leipziger die Wohnkosten als Problem sehen. Nur hinter einem Fünftel der Mieterhöhungen standen echte Modernisierungen. Da bekommt der Mietpreisanstieg in deutschen Großstädten eine ganz andere Schattierung, wenn die Mieten anziehen, ohne dass wirklich eine Gegenleistung dahintersteckt.

Und die Bürgerumfrage fragte die Leipziger auch, ob sie einen 20-prozentigen Anstieg ihrer Mietkosten verkraften würden. Das war dann sozusagen die Frage zum Eingemachten: Nur 43 Prozent gaben an, dass sie das verkraften würden. 57 Prozent wären davon überfordert. Das heißt: Eigentlich steckt im Leipziger Wohnungsmarkt nicht wirklich Potenzial zur Mieterhöhung.

Viel zu viele Leipziger verdienen nach wie vor so wenig, dass eine Mieterhöhung für sie existenziell wird. Und unter einer solchen Mieterhöhung würden die Bewohner in einem breiten Gürtel von Neustadt-Neuschönefeld über Lindenau bis nach Großzschocher massiv leiden. Über 60 Prozent würden die Erhöhung nicht verkraften.

Und da darf auch der Hinweis nicht fehlen, dass viele Leipziger jetzt schon Probleme haben, Miete und Energie zu bezahlen. 4 Prozent der Leipziger Miethaushalte waren in den vergangenen vier Jahren mal mit ihrer Mietzahlung im Rückstand, 5 Prozent hatten mit der Stromrechnung Probleme. Und das waren nicht nur Arbeitslose, die hier gemerkt haben, was staatliches Knausern bedeutet, sondern auch viele Alleinerziehende.

Und dann ist da noch die so locker flockig genannte Zahl von 30 Prozent, die deutsche Politiker als aushaltbare Belastung von Einkommen durch Miete bezeichnen. In Leipzig sei der Wert sogar von 36 auf 30 Prozent gesunken, so Verwaltungsbürgermeister Ulrich Hörning. Die steigenden Einkommen hätten da geholfen.

Aber die Bürgerumfrage zeigt auch deutlich, dass selbst bei der Miete die höheren Einkommen besser wegkommen, denn sie zahlen sogar nur 23 Prozent (2.300 bis 3.200 Euro) oder gar 16 Prozent (ab 3.200 Euro) von ihrem Einkommen als Miete.

Menschen, die mit weniger als 1.100 Euro auskommen müssen, blättern hingegen im Schnitt 45 Prozent für Miete und Nebenkosten hin, behalten also vom kärglichen Einkommen noch weniger. Und sie leiden noch stärker unter jeder Erhöhung der Wohnkosten. Und das betrifft nach wie vor 22 Prozent aller Leipziger (2016: 24 Prozent). Und natürlich leben besonders viele von ihnen in jenen Quartieren, in denen die Angst vor Gentrifizierung besonders stark zu spüren ist. Connewitz gehört übrigens auch dazu.

Was sich dann mit der Autofrage verbindet.

Dazu mehr im nächsten Teil: Der Diesel-Skandal trifft in Leipzig vor allem die jungen Erwerbstätigen mit niedrigem Einkommen

Leipziger Zeitung Nr. 60: Wer etwas erreichen will, braucht Geduld und den Atem eines Marathonläufers

https://new.l-iz.debildung/medien/2018/10/Leipziger-Zeitung-Nr-60-Wer-etwas-erreichen-will-braucht-Geduld-und-den-Atem-eine-Marathonlaeufers-239317

 

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