Mietsteigerungen treffen die Wenigverdiener in Leipzig wieder am heftigsten

Graffiti in Connewitz. Foto: Ralf Julke

Für alle LeserDie Bürgerumfrage 2017 hat zum ersten Mal sichtbar gemacht, wie der sich zusehends verengende Wohnungsmarkt in Leipzig jetzt auf die Mietkosten drückt. Bis 2013 waren die Mieten in Leipzig relativ stabil, ging es auch bei den ermittelten Grundmieten meist nur ein paar Cent rauf oder runter, schwankte der Wert um die 5 Euro kalt pro Quadratmeter. Seit 2014 hat sich das spürbar geändert.

Print Friendly, PDF & Email

Lag der Quadratmeterpreis vorher noch bei 5,08 Euro, sprang er da erstmals auf 5,38 Euro. 2016 wurden 5,39 Euro erreicht und 2017 nun 5,62 Euro. Immer mit dem Hintergrund: Das ist die Bestandsmiete, also nicht das, was auf dem freien Wohnungsmarkt gehandelt wird, wo man heute kaum noch Wohnungen unter diesem Preis findet, schon gar nicht innenstadtnah.

Die Gentrifizierung Leipzigs ist längst im Gang. Da können sich die Politiker die Sache schönreden, wie sie wollen. Da reicht ein Blick auf die Stadtkarte, die zeigt, dass ganze Ortsteile längst abgehoben sind in höhere Mietpreisklassen mit Mietniveaus über 6,50 Euro im Bestand – allen voran innenstadtnahe Quartiere wie das Waldstraßenviertel, das Grafische Viertel, Zentrum Süd und das Musikviertel.

Die Statistiker machen auch den hübschen Vergleich auf zwischen Mietbewohnern und Eigentumsbewohnern. Ein Vergleich, der deutlich macht, dass selbst Wohneigentum vor allem eine Frage des Geldes ist. Von den Leipzigern, die weniger als 2.000 Euro Haushaltsnettoeinkommen haben, leben maximal 10 Prozent im Wohneigentum.

Was in Leipzig übrigens eng mit dem Wohnungsneubau zusammenhängt. In den seit 2002 neu gebauten Wohnungen leben 65 Prozent der Bewohner im Eigentum. 57 Prozent sind Eigenheimbewohner, 9 Prozent leben aber auch in Eigentumswohnungen.

Aber wenn einem Anlageberater in der Bank erzählen, jeder könnte mit genug Fleiß Wohneigentum erwerben, dann schwindeln sie. Erst ab 2.000 Euro Haushaltsnettoeinkommen entstehen die ersten Spielräume, an die Finanzierung von Wohneigentum überhaupt zu denken.

Aber die tatsächliche Schwelle liegt augenscheinlich bei 4.000 Euro. Ab da schnellt die Kurve der Leipziger, die im Eigentum leben, von 22 auf 39 Prozent hinauf, jenseits der 5.000 Euro sogar auf 57 Prozent. Das heißt: Dann verdienen Menschen in Leipzig so viel Geld, dass sie es auch in Wohneigentum als Wertanlage stecken können.

Wo Mieterhöhungen besonders große Probleme verursachen würden. Grafik: Stadt Leipzig, Bürgerumfrage 2017
Wo Mieterhöhungen besonders große Probleme verursachen würden. Grafik: Stadt Leipzig, Bürgerumfrage 2017

Wie viele Leipziger verdienen eigentlich so viel?

Das weist der Bericht nicht so detailliert aus. Er zeigt nur, dass 17 Prozent der Leipziger 2017 ein monatliches Nettoeinkommen von mindestens 3.200 Euro hatten. Womit man wahrscheinlich wirklich die Gruppe jener Leipziger erfasst, die sich tatsächlich Wohneigentum leisten können (sofern sie es nicht geerbt haben). Deswegen sind auch die Trauergesänge, dass die Mietwohnquote in Leipzig immer noch so hoch ist, so fadenscheinig.

83 Prozent der Leipziger verfügen nicht wirklich über das Geld, um Wohneigentum zu erwerben. Manche verfügen auch darüber, mieten aber trotzdem lieber. Nur 13 Prozent der Leipziger leben tatsächlich in Eigentum.

Und das beschreibt natürlich auch unsere Wirtschaftswelt: Wer heute einen qualifizierten Beruf hat, muss auch bereit sein, mobil zu bleiben. Dass Menschen Wohnungen mieten, erzählt auch davon, dass sie eben nicht mehr an ihre Scholle gefesselt sind, wie sich das unsere Heimattümler immer ausmalen.

Die moderne Arbeitswelt ist flexibel. Aber weil die Flexibilität auch und gerade die niedrigen Einkommen trifft, stößt ein sich verteuernder Mietmarkt gerade bei ihnen sauer auf. Denn Leipziger mit Haushaltseinkommen unter 2.000 Euro sind zu über 90 Prozent Mieter.

Und wenn 34 Prozent der Befragten bejahen, dass sie in den letzten vier Jahren eine Mieterhöhung bekommen haben, dann ahnt man, was für eine Unruhe sich in der Stadt breitmacht und warum 29 Prozent der Leipziger die Wohnkosten als Problem sehen. Nur hinter einem Fünftel der Mieterhöhungen standen echte Modernisierungen. Da bekommt der Mietpreisanstieg in deutschen Großstädten eine ganz andere Schattierung, wenn die Mieten anziehen, ohne dass wirklich eine Gegenleistung dahintersteckt.

Und die Bürgerumfrage fragte die Leipziger auch, ob sie einen 20-prozentigen Anstieg ihrer Mietkosten verkraften würden. Das war dann sozusagen die Frage zum Eingemachten: Nur 43 Prozent gaben an, dass sie das verkraften würden. 57 Prozent wären davon überfordert. Das heißt: Eigentlich steckt im Leipziger Wohnungsmarkt nicht wirklich Potenzial zur Mieterhöhung.

Viel zu viele Leipziger verdienen nach wie vor so wenig, dass eine Mieterhöhung für sie existenziell wird. Und unter einer solchen Mieterhöhung würden die Bewohner in einem breiten Gürtel von Neustadt-Neuschönefeld über Lindenau bis nach Großzschocher massiv leiden. Über 60 Prozent würden die Erhöhung nicht verkraften.

Und da darf auch der Hinweis nicht fehlen, dass viele Leipziger jetzt schon Probleme haben, Miete und Energie zu bezahlen. 4 Prozent der Leipziger Miethaushalte waren in den vergangenen vier Jahren mal mit ihrer Mietzahlung im Rückstand, 5 Prozent hatten mit der Stromrechnung Probleme. Und das waren nicht nur Arbeitslose, die hier gemerkt haben, was staatliches Knausern bedeutet, sondern auch viele Alleinerziehende.

Und dann ist da noch die so locker flockig genannte Zahl von 30 Prozent, die deutsche Politiker als aushaltbare Belastung von Einkommen durch Miete bezeichnen. In Leipzig sei der Wert sogar von 36 auf 30 Prozent gesunken, so Verwaltungsbürgermeister Ulrich Hörning. Die steigenden Einkommen hätten da geholfen.

Aber die Bürgerumfrage zeigt auch deutlich, dass selbst bei der Miete die höheren Einkommen besser wegkommen, denn sie zahlen sogar nur 23 Prozent (2.300 bis 3.200 Euro) oder gar 16 Prozent (ab 3.200 Euro) von ihrem Einkommen als Miete.

Menschen, die mit weniger als 1.100 Euro auskommen müssen, blättern hingegen im Schnitt 45 Prozent für Miete und Nebenkosten hin, behalten also vom kärglichen Einkommen noch weniger. Und sie leiden noch stärker unter jeder Erhöhung der Wohnkosten. Und das betrifft nach wie vor 22 Prozent aller Leipziger (2016: 24 Prozent). Und natürlich leben besonders viele von ihnen in jenen Quartieren, in denen die Angst vor Gentrifizierung besonders stark zu spüren ist. Connewitz gehört übrigens auch dazu.

Was sich dann mit der Autofrage verbindet.

Dazu mehr im nächsten Teil: Der Diesel-Skandal trifft in Leipzig vor allem die jungen Erwerbstätigen mit niedrigem Einkommen

Leipziger Zeitung Nr. 60: Wer etwas erreichen will, braucht Geduld und den Atem eines Marathonläufers

https://new.l-iz.debildung/medien/2018/10/Leipziger-Zeitung-Nr-60-Wer-etwas-erreichen-will-braucht-Geduld-und-den-Atem-eine-Marathonlaeufers-239317

 

Schreibe einen Kommentar

Weiterlesen auf l-iz.de

Grüne, Linke und SPD beantragen Erhöhung des Etats für die Freie Szene um 3,6 Millionen Euro

<span class="liz-leserclub">Für alle Leser</span> Am Donnerstag, 1. November, hat die Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen ihre Liste von Änderungsanträgen zum neuen Leipziger Doppelhaushalt 2019/2020 vorgestellt. Der soll wahrscheinlich im Januar 2019 beschlossen werden. Aber bislang steht vieles noch nicht drin, was der Stadtrat eigentlich längst beschlossen hat. Oder was überfällig ist für die wachsende Stadt. Dass OBM Burkhard Jung gerade jetzt von „Wachstumsschmerzen“ redet, kann Fraktionsvorsitzende Katharina Krefft so nicht stehen lassen.

Der richtige Ort: Das Pöge-Haus an der Hedwigstraße im Leipziger Osten. Foto: L-IZ.de

Leipziger Osten wird zum ersten Mal Schauplatz des Art Go East - Festivals

Die zum ersten Mal stattfindende Biennale für darstellende und bildende Kunst ArtGoEast ist in vielerlei Hinsichten ein ambitioniertes Projekt: ein Festival an neun Ausstellungsorten mit über 15 lokalen und internationalen Künstlern. Es versteht sich dabei als innovatives, kritisches und nachhaltiges Projekt, dass sich trotz einer in der Stadt herrschenden Atmosphäre des Kulturüberangebots und in einem von voranschreitender Gentrifizierung geplagtem Stadtteil behaupten möchte.

Geschäftsklimaindex für Leipzig im Herbst 2018. Grafik: IHK zu Leipzig

Leipziger Unternehmen haben immer stärker mit dem Sorgenthema Fachkräftemangel zu kämpfen

<span class="liz-leserclub">Für alle Leser</span> Vor zwei Wochen haben die sächsischen IHKs den Geschäftsklimaindex für ganz Sachsen veröffentlicht. Jetzt gibt es auch die Einzelauswertung für Leipzig. Und die zeigt, dass es im Grunde nur drei Branchen sind, in denen die Stimmung kräftig abgesackt ist. Und die Ursachen sind jedes Mal etwas andere.

Die Eisenbahnstraße im Leipziger Osten. Foto: Ralf Julke

Die Waffenverbotszone in der Eisenbahnstraße stigmatitisiert das ganze Quartier

<span class="liz-leserclub">Für alle Leser</span>Wenn Politiker versagen, werden sie zu Law&Order-Spezialisten. Dann werden irgendwo lauter Gefährder ausgemacht und lauter Schnapsideen ausgedacht, mit denen man öffentlich so tun kann, als wäre man ein prima Innenminister, der alles im Griff hat. So wie damals Sachsens Innenminister Markus Ulbig, als er Leipzigs OBM eine Waffenverbotszone in der Eisenbahnstraße aufschwatzte. Jetzt wehren sich die Engagierten aus der betroffenen Straße.

„Der zweite Anschlag“. Foto: DOK Leipzig

DOK Leipzig, Tag 4: Radikaler Fokus auf Feministinnen und Opfer von Rassismus

<span class="liz-leserclub">Für alle Leser</span>Der rechtsradikale Vormarsch in vielen Staaten hat sich in den vergangenen Jahren auf vielfältige Weise geäußert: zunehmender Rassismus und antifeministische Bestrebungen gehören dazu. Zwei Dokumentationen von Frauen widmen sich der Machokultur im politischen Italien und dem strukturellen Rassismus in Deutschland – und konzentrieren sich dabei radikal auf jene, die für das Gute kämpfen und unter den bestehenden Bedingungen leiden.

Jacek Joav Schäfer-Jasinski: Der Kleine Prinz kommt zurück. Foto: Ralf Julke

Der Kleine Prinz kehrt zurück oder Die Frage nach dem Glück, das wir nicht mehr sehen

<span class="liz-leserclub">Für alle Leser</span>Wer kennt ihn nicht, den kleinen Prinzen aus Antoine de Saint-Exupérys berühmten Buch „Le petit prince“ von 1943, das ich nun beinah ein Kinderbuch genannt hätte. Aber eigentlich ist es ja keins. Eigentlich ist es ein Traumbuch. Ein Buch darüber, wie wir gern wären, wenn wir aufmerksamer wären und mitfühlender, als wir sind. Wir – auf unserem kleinen Planeten. Ein Buch, das zu immer neuen anderen Büchern anregt.

Quelle: Baileo - Tanzpassion Leipzig

Kindertanztag bei Baileo - Tanzpassion Leipzig

Baileo - Tanzpassion Leipzig veranstaltet diesen Sonntag, am 04.11. einen Kindertanztag, zu dem Kinder und Teens zwischen 4 und 14 Jahren eingeladen sind, verschiedene Tanzstile von Ballett bis Hip Hop in sechs gratis Workshops auszuprobieren.

Zugang zum agra-Messepark. Foto: Ralf Julke

4. Jules-Fantasymarkt auf dem agra-Veranstaltungsgelände Leipzig

Wenn sich am 10. und 11. November die deutsche Fantasyszene im agra- Veranstaltungsgelände in Leipzig trifft, ist ein waschechter Drachen das Maskottchen. Mit glühenden Augen, dampfenden Nüstern und einem Maul, aus dem zwei Meter weit das Feuer lodert, erobert das Ungetüm sofort die Herzen der Kinder.

Bunt? Bunter. Nigerianische Baptistinnen in Yardenit. Foto: Jens-Uwe Jopp

Israel intensiv: Shukran und Toda oder „Come back“

<span class="liz-leserclub">Für alle Leser</span>Was bleibt nach einer 14-tägigen Reise ins „Heilige und gelobte Land?“ Zunächst erst einmal ein „Danke“ auf Arabisch und Hebräisch. Danke für die Zeit, die empfangene Herzlichkeit, das Bemühen um das Verstehen und die Geduld beim Verstehen lernen. War’s das? Und das unbeschreiblich leckere Essen natürlich. Da isst man in einem arabischen Restaurant von 20(!) verschiedenen Tellern, für jeden Einzelnen wohlgemerkt – aber auch in der palästinensischen Unterkunft werden zauberhafte Speisen aus Fisch, Fleisch und Gemüse stundenlang (teilweise unter der Erde) gekocht, geschmort, gebraten.

Regionalzug im Hauptbahnhof Leipzig. Foto: Ralf Julke

Verkehrsminister Martin Dulig hat die Nase voll und hebt eine neue Landesgesellschaft für den Nahverkehr in Sachsen aus der Taufe

<span class="liz-leserclub">Für alle Leser</span>Am Donnerstag, 1. November, hatte Sachsens Verkehrsminister Martin Dulig die Nase voll. Seit 2014 versucht der SPD-Minister, endlich ein modernes Nahverkehrskonzept für den Freistaat auf die Beine zu stellen. Jetzt zieht er die Reißleine, nachdem jeder Vorstoß am provinziellen Kleinklein im Land verebbte. Jeder Landrat hat augenscheinlich völlig andere Vorstellungen von dem, was er sich wünscht.